… meinte meine Kundin, als ihr Rüde sich mal wieder nicht so verhielt, wie sie es sich gewünscht hätte.

Frech?

Wir sind schnell dabei, Tieren menschliche Eigenschaften oder Charakterzüge zu unterstellen. Trainer versichern oft und gerne, dass ein Hund sich in dieser oder jener Situation oder gar grundsätzlich unverschämt, stur oder wie auch immer verhält.

Diese Neigung entspricht unserem menschlichen Bedürfnis, Verhaltensweisen anderer Tiere verständlich zu machen, sie in Schubladen zu stecken. Sie wird aber dem Tier – hier den Hunden – eher selten gerecht. 😕

Was bringt uns das?

Bei der Beurteilung eines bestimmten Hundeverhaltens sind oft schon zwei Menschen verschiedener Meinung. Auch Trainer! 😉

Die Beurteilung von Verhaltensweisen erfolgt beim Hundehalter oft intuitiv. Trainer beziehen normalerweise die jeweilige Situation, das Umfeld und noch einige weitere Faktoren mit ein – z.B. den gesundheitlichen Zustand des Hundes.

Eine daraus abgeleitete Etikettierung des Verhaltens ist dennoch häufig zumindest fragwürdig.

Voraussetzungen

Alle Säugetiere lernen generell nach den gleichen Regeln. Hund, Walross, Mensch – es gilt die Lerntheorie!

Jeder normale Hundehalter handelt also zunächst einmal nicht ganz verkehrt, wenn er seinen Hund im Training ‚menschenähnlich‘ anleitet.

Das Problem

Alle Lebewesen sind Individuen. Zweifellos haben demnach auch Hunde unterschiedliche Charaktere.

Hund und Mensch haben sich über Jahrmillionen neben- und miteinander entwickelt. Sie sind schon vor langer Zeit eine Zweckpartnerschaft eingegangen. Doch sie haben sehr unterschiedliche Evolutionsgeschichten mit daraus resultierenden unterschiedlichen Bedürfnissen, Verhaltensweisen und Kommunikationsformen.
Da sind Mißverständnisse beiderseits und Fehlunterstellungen durch den Menschen vorprogrammiert. 😉

Was bewirkt das?

In dem Moment, in dem wir einen Hund als stur oder frech einordnen, stecken wir ihn in eine ‚menschliche‘ Schublade. Folglich greifen wir reflexartig auf die im menschlichen Miteinander üblichen Reaktionen zurück. Wir maßregeln, schimpfen, strafen. Gleichzeitig verbauen wir uns viele Möglichkeiten, die wir für ein positives Training hätten nutzen können. Wir sehen sie einfach nicht mehr.

Wie anstrengend, oft unangemessen … und häufig sogar kontraproduktiv!

Übrigens

Menschen neigen nicht nur im negativen Sinn zu Unterstellungen. Wir tun es auch mit positiv belegten Eigenschaften. Da wird der Hund schon mal süüüß und guckt herzig oder ist begeistert bei der Arbeit.

Auch hier kommt es häufig zu Fehlinterpretationen. Das Ergebnis ist wiederum eine evtl. unangemessene Reaktion des Menschen. 😉

Was tun?

Lassen wir die Etikettenschubladen zu! Hören wir auf, unseren Hunden ständig – vornehmlich negative – Eigenarten zu unterstellen. Schauen wir stattdessen urteilsfrei auf das, was wir am Hund tatsächlich sehen. Was er uns anbietet.

Wie geht das?

Setzen wir bei der Beobachtung von Verhalten die ‚Bewertungs‘-Brille ab, so sehen wir nur noch das Verhalten an sich. Wir sehen hoch gezogene Lefzen, eingeklemmte Ruten, gerade gestreckte Rücken oder was auch immer. Jeder ‚Hundemensch‘ mit Basiskenntnissen der hündischen Körpersprache weiß, was er von solchen Signalen zu halten hat. Wer so vorgeht, wird ziemlich sicher plötzlich Details erkennen, die ihm vorher verborgen blieben.

Wertungsfreies Beobachten setzt ungeahnte Energien frei. Energien, die dann in sinnvolleres, angemesseneres Training umgesetzt werden können.

Versuchen Sie es einfach mal. Ich bin sicher, Sie werden erstaunliche Entdeckungen machen. :-)